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Marielle - Prolog (3)

Dieser Eintrag stammt von Corinne Althaus Am 13.5.2007 @ 10:25 In Prolog | 1 Kommentar

Paulette war nicht nur Marielles Magd, sondern auch ihre beste Freundin seit Kindheitstagen. Nachts schlief sie in der Nische, die direkt an Marielles Kammer grenzte. Doch letzte Nacht hatte sie sich erst vergewissert, dass Victor von Doussy fort war, bevor sie sich selbst hinlegte. Entsprechend übermüdet fühlte sie sich nun. Aber was bedeutete ihre Müdigkeit im Vergleich zu dem Leid, das Marielle ertragen hatte?
Bekümmert musterte Paulette das leichenblasse Gesicht der Freundin. Die sonst sorgfältig geflochtenen lockigen Haare umrahmten wirr das schmale Gesicht. Die blauen Augen blickten stumpf und glanzlos.
»Er hat meinem Vater versprochen, mich nicht anzurühren. Nicht bevor ich achtzehn bin und er aus Jerusalem zurückgekehrt ist.« Verzweifelt schlug Marielle die Hände vor das Gesicht. Glasklar sah sie wieder alles vor sich. Wie ein wildes Tier war Victor von Doussy über sie hergefallen. Sein verschlagener Blick hatte sich für immer unauslöschlich in ihr Herz gebrannt.
Unsicher, weil sie nicht wusste, wie sie der Freundin helfen konnte, begann Paulette, die Kissen aufzuschlagen. Dabei entdeckte sie die Blutspuren auf dem weißen Leinentuch. Mit einem kräftigen Ruck zog sie es ab. »Ich werde gleich ein neues auflegen«, sagte sie.
»Ich hasse den Grafen«, stieß Marielle heftig hervor.
»Er ist dein Gemahl, Marielle.«
Mit einer heftigen Handbewegung wischte Marielle den Einwand beiseite. »Und gibt ihm die Hochzeit das Recht, mich wie Dreck zu behandeln? Victor von Doussy ist kein Ehrenmann. Ich werde ihn niemals als Mann an meiner Seite akzeptieren.«
Hastig schlug Paulette das Kreuzzeichen vor der Brust. »Du versündigst dich, Marielle. Du hast vor Gott versprochen, deinen Mann zu ehren und ihm zu gehorchen bis an sein Lebensende.«
Trotzig verschränkte Marielle die Arme vor der Brust. »Glaubst du, ich weiß das nicht? Aber ich habe ihn nur meinem Vater zuliebe geheiratet. Wenn ich geahnt hätte…« Ihre Unterlippe zitterte verräterisch. Im nächsten Moment brach sie in heftiges Schluchzen aus. Paulette ließ das Laken, das sie noch immer in den Händen hielt, achtlos zu Boden fallen. Tröstend zog sie ihre Freundin in die Arme. Eng umschlungen bot sie Marielle Halt, bis diese sich halbwegs beruhigt hatte und auf Abstand zu ihr ging.
»Ich stürze mich ins Wasser, wenn daraus…« Marielle biss sich heftig auf die Lippen. Sie schämte sich für die Worte, die ihr auf den Lippen lagen.
»…wenn du ein Kind von ihm erwartest?« Wie fast immer verstand Paulette die Freundin auch ohne Worte. »Soweit wird es nicht kommen.«
»Was meinst du?«
»Meine Mutter hat mir das Geheimnis eines Kräutertrunkes verraten. Zum Schutz vor den hochherrschaftlichen Herren, die es lieben, uns Mägden heimlich aufzulauern.«
»Oh!« Marielle sah Paulette plötzlich mit neuen Augen an. Die Mädchen waren sich vertraut wie Schwestern, aber noch nie hatte ihr Paulette erzählt, dass sie keine Jungfrau mehr war.
»Nun guck nicht so überrascht«, sagte Paulette mit schiefem Lächeln. »Bei Mädchen meines Standes ist dies nichts Ungewöhnliches. Weißt du nicht, dass wir von den Herren als Freiwild angesehen werden?«
»Du hast nie etwas erzählt« Ein deutlicher Vorwurf schwang in Marielles Stimme mit, dem Paulette nur mit einem Schulterzucken begegnete.
»Ich helfe dir. Du brauchst es nur zu sagen«, drängte sie.
Unschlüssig rang Marielle die Hände. Von klein auf war ihr eingeschärft worden, dass es für Frauen nur eine Bestimmung im Leben gab: die der Ehefrau und Mutter. Die Lehren der Kirche lasteten in diesem Augenblick schwer auf ihrem Gewissen. Niemand hatte ihr verraten, dass die Erfüllung ihrer angeblichen Bestimmung mit Schmerzen und Demütigung einhergehen würde. Niemals würde sie ein Kind, das unter solchen Umständen gezeugt worden war, lieben können. Je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurden ihre Gedanken.
»Wenn das Schicksal ein Einsehen hat, lässt es deinen Mann auf dem Schlachtfeld  sterben«, drang Paulettes Stimme zu ihr durch.
Schweigend blickten sie einander an. Dann sagte Marielle: »Ich wünsche Victor von Doussy von ganzem Herzen den Tod. Möge sein Leib auf den Schlachtfeldern vor Jerusalem in Fetzen zerrissen werden und seine Seele im ewigen Fegefeuer schmoren. So wahr mir Gott helfe.« Noch nie zuvor hatte Marielle einen Menschen verflucht. Umgehend verspürte sie Erleichterung. Zu allem entschlossen hob sie den Kopf und schob das Kinn vor. Ihre Finger waren eiskalt, als sie die Hände der Freundin in die ihren nahm.
»Bitte brau mir diesen Trunk, Paulette«, bat sie flehentlich. »Hilf mir.«
 


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