Archive für 17.5.2007

1. Kapitel (1)


Frankenland, Sommer 1103
 
1. Kapitel
 
Es entsprach einem allgemein anerkannten Brauch, dass die Töchter eines Burgherrn ab einem Alter von zwölf Jahren problemlos verheiratet werden konnten. Die meisten von ihnen verließen zu diesem Zeitpunkt die Kemenate, in der sie geboren worden waren. Ein fröhlicher Hochzeitszug begleitete sie dann zum Hause ihres künftigen Gatten.
So war es üblich. Doch Marielle war schon zwanzig Jahre alt, verheiratet zwar, doch noch immer lebte sie auf der väterlichen Burg.
»Mein lieber Stephan, wir müssen uns darüber unterhalten, was aus Marielle werden soll«, eröffnete Ghislaine von Rouen, eine schöne, aber herrische Frau, an einem milden Sommertag das Gespräch. Dabei hielt sie den ausweichenden Blick ihres Gatten Stephan unerbittlich fest.
Matt fügte sich Stephan von Rouen in sein Schicksal. Seit Tagen, nein, seit Monaten schon plagten ihn unerklärliche Leibschmerzen. Mal spürte er sie stärker, mal schwächer, aber stets waren sie vorhanden. Kein Kräutertrank half auf Dauer. Auch ein Aderlass hatte keinen Erfolg gebracht. Der ständige Schmerz zerrte an seinem Körper und raubte ihm die Lebenskraft. Stephan benötigte sämtliche noch verbliebenen Kräfte, um seine Besitztümer zu beaufsichtigen. Nach einem Gespräch mit seinem jüngeren und tatkräftigeren Eheweib stand ihm nicht der Sinn. Er fragte sich, was sie auf dem Herzen hatte, sprach es aber nicht aus. Er würde es ohnehin sehr bald erfahren. Allerdings stand das Verhältnis zwischen Ghislaine und ihrer Stieftochter Marielle nicht zum besten. Insofern ahnte er nichts Gutes.

|