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Archive für 20.5.2007
1. Kapitel (4)
20.5.2007 by Corinne Althaus.
Immer spärlicher drangen die Sonnenstrahlen durch die dichten Baumwipfel des Waldes um Rouen. Da spürte Rédouan, Neffe und Gefolgsmann des Grafen Victor von Doussy, dass er beobachtet wurde.
Während sich Rédouans Sinne instinktiv auf die drohende Gefahr richteten, haderte er mit sich selbst. Er war beileibe kein Trunkenbold, aber am Abend zuvor hatte er mit seinen Mannen entschieden zu sehr dem Wein zugesprochen. Nun pochte es schmerzhaft hinter seinen Schläfen und er hatte Mühe, die nötige Wachsamkeit aufzubringen.
»Vielleicht ist es nur Wild, das uns beobachtet«, murmelte er. Dabei strich er mit der Hand beruhigend über den Hals seines Pferdes. Noch nie hatte er ein intelligenteres Tier als Fatana besessen. Seitdem ein byzantinischer Händler ihm die Stute in Konstantinopel zu einem guten Preis verkauft hatte, begleitete sie ihn überall hin. Sogar im Kampf verzichtete er nicht auf sie, was ihm schon häufig den Spott seiner Kampfgefährten eingetragen hatte. Die meisten Ritter zogen lieber auf großgewachsenen Hengsten in die Schlacht, weil sie sich auf ihnen unangreifbarer und sicherer fühlten. Rédouan machte sich nichts daraus. Er hielt sich an die Weisheit der Perser, die ihre Pferde mehr liebten als ihre Frauen. Hatten sie ein Tier gefunden, das zu ihnen passte, hüteten sie es wie ihren eigenen Augapfel und hielten ihm die Treue. Bedingungslos bis zum Tod.
Rédouans Gedanken schweiften zu dem Auftrag, den sein Onkel Graf Victor ihm erteilt hatte. König Balduin I. von Jerusalem hatte Victor als Dank für seine geleisteten Dienste ein großzügiges Stück Land geschenkt. Doch die Belohnung war an eine Bedingung geknüpft. Balduin legte Wert darauf, dass seine Lehnsleute ehrbar verheiratet waren und Kinder zeugten. Der kluge König wusste, dass die Machtverhältnisse im Osten unsicher waren. Noch waren die Araber untereinander zu zerstritten, um eine echte Gefahr für die Kreuzritter darzustellen. Aber irgendwann würden sie sich vielleicht verbünden und gemeinsam in den Kampf gegen das neue Königreich ziehen. Spätestens dann hoffte er ein Heer von Familienvätern gegen sie aufstellen zu können. Ein Mann, der Frau und Kinder verteidigte, kämpfte mit größerer Entschlossenheit als jemand, der nichts zu verlieren hatte.
Unbewusst knirschte Rédouan mit den Zähnen. Er selbst würde niemals heiraten und eine Familie gründen. Dass hatte er sich am Grab seiner Eltern geschworen. Die Liebe seiner sanftmütigen Mutter Marianne zu Michel von Doussy hatte ihr den Tod gebracht. Noch heute wurde Rédouan von der Erinnerung an ihre schrecklich zugerichtete, blutüberströmte Leiche bis in den Traum hinein verfolgt. Um endlich Ruhe zu finden, hatte er in den ersten Monaten nach dem Tod seiner Eltern Gott angefleht, auch ihn endlich sterben zu lassen. Niemand stürmte tollkühner gegen die Feinde an als Rédouan. Er suchte den Kampf, wo immer er ihn finden konnte. Ein paar Mal erlitt er tatsächlich schwere Verwundungen, so dass sein Leben nur noch an einem seidenen Faden zu hängen schien. Doch jedes Mal erhob er sich wieder von seinem Krankenlager – stärker als zuvor. Mit der Zeit begann sich Rédouan zu wundern. Wog seine Schuld so schwer, dass nicht einmal Gott ihn in Gnade aufnehmen wollte? Die Vorstellung ängstigte ihn, aber er behielt seine Zweifel für sich und verschloss sie tief in seinem Herzen.
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