Archive für Mai 2007

1. Kapitel (2)

In sein Schicksal ergeben erwiderte Stephan den Blick seiner Frau und als er sie aufmerksam wahrnahm, lief ein Lächeln über sein Gesicht. Mit ihrem tiefbraunen Haar und den kohlschwarzen Augen, die in ihrem blassen Gesicht brannten, war sie nicht nur eine viel bewunderte Schönheit. Jeden Tag aufs neue freute er sich auch über ihre Begabung, einen großen Haushalt wie den ihren zu führen. Als seine Gattin war Ghislaine die Dame der Burg. Sie stand ihm zur Seite und beaufsichtigte den inneren Bereich des Hauses. Sie bewachte das Geschmeide, die Kleidung und die Nahrungsvorräte. An ihrem Gürtel hingen die Schlüssel für die Truhen und die gesamte weibliche Bevölkerung stand unter ihrer Herrschaft. Ghislaine kommandierte eine ganze Gruppe von Mägden herum und galt weithin als gnadenlos, was Stephan jedoch als böswilliges Geschwätz abtat. Er sah es als Ghislaines gutes Recht an, ihre Mägde persönlich ganz jung in den Dörfern der Lehnsherrschaft unter den Kindern der Bauern auszuwählen. Und ihm kamen auch keine Bedenken, wenn sie die Mädchen selbst bei kleinen Vergehen aus Wut fast bis zur Besinnungslosigkeit prügelte. Allerdings hatte vor wenigen Monaten ein Todesfall nach einer derartigen Bestrafung für beträchtliche Unruhe gesorgt. Danach hatte er seine Frau gebeten, ihren Jähzorn zu zügeln. 

In der Tat verfügte Ghislaine über viele Vorzüge. Nur ihrer Pflicht, ihm einen männlichen Erben zu schenken, kam sie nicht nach. Kaum zeigten sich bei ihr die ersten Anzeichen einer Schwangerschaft, stieß ihr Körper die keimende Leibesfrucht schon wieder ab. Jeder andere Lehnsherr hätte sich an seiner Stelle längst von Ghislaine getrennt, um sein Erbe zu sichern. Aber Stephan, im Streitfall ein kampferprobter Recke, war zu schwach dazu. Denn Ghislaine verstand es, ihm in geheimen Stunden höchste Wolllust zu verschaffen. Er war ihr hörig. Doch niemals würde er es zugeben.  »Stephan, hörst du mir zu?« Der ärgerliche Unterton in Ghislaines Stimme war nicht zu überhören. Schuldbewusst riss Stephan sich zusammen. 

1. Kapitel (1)


Frankenland, Sommer 1103
 
1. Kapitel
 
Es entsprach einem allgemein anerkannten Brauch, dass die Töchter eines Burgherrn ab einem Alter von zwölf Jahren problemlos verheiratet werden konnten. Die meisten von ihnen verließen zu diesem Zeitpunkt die Kemenate, in der sie geboren worden waren. Ein fröhlicher Hochzeitszug begleitete sie dann zum Hause ihres künftigen Gatten.
So war es üblich. Doch Marielle war schon zwanzig Jahre alt, verheiratet zwar, doch noch immer lebte sie auf der väterlichen Burg.
»Mein lieber Stephan, wir müssen uns darüber unterhalten, was aus Marielle werden soll«, eröffnete Ghislaine von Rouen, eine schöne, aber herrische Frau, an einem milden Sommertag das Gespräch. Dabei hielt sie den ausweichenden Blick ihres Gatten Stephan unerbittlich fest.
Matt fügte sich Stephan von Rouen in sein Schicksal. Seit Tagen, nein, seit Monaten schon plagten ihn unerklärliche Leibschmerzen. Mal spürte er sie stärker, mal schwächer, aber stets waren sie vorhanden. Kein Kräutertrank half auf Dauer. Auch ein Aderlass hatte keinen Erfolg gebracht. Der ständige Schmerz zerrte an seinem Körper und raubte ihm die Lebenskraft. Stephan benötigte sämtliche noch verbliebenen Kräfte, um seine Besitztümer zu beaufsichtigen. Nach einem Gespräch mit seinem jüngeren und tatkräftigeren Eheweib stand ihm nicht der Sinn. Er fragte sich, was sie auf dem Herzen hatte, sprach es aber nicht aus. Er würde es ohnehin sehr bald erfahren. Allerdings stand das Verhältnis zwischen Ghislaine und ihrer Stieftochter Marielle nicht zum besten. Insofern ahnte er nichts Gutes.

Marielle - Prolog (5)

Rédouan verfluchte sich selbst. Warum bloß hatte er sich von seinem Oheim Victor dazu überreden lassen, als Einziger der Familie an dessen Hochzeit mit Marielle von Rouen teilzunehmen? Damit hatte er gegen den erklärten Willen seines Vaters gehandelt. Seit vielen Jahren schon waren Michel und sein älterer Bruder Victor zerstritten. Den Grund für die Familienfehde hatte Michel seinem Sohn nie verraten. Wenn Rédouan jedoch einigen Andeutungen Glauben schenken durfte, dann lag die Ursache bei seiner Mutter. Denn auch Victor hatte die schöne Marianne seinerzeit begehrt.
Tränen der Reue strömten Rédouan aus den Augen. »Verzeih mir, Vater. Ich wollte doch bloß Frieden stiften.«
Die Versöhnung der feindlichen Brüder war Rédouans Ziel gewesen, als er der Einladung zur Hochzeit gefolgt war. Stattdessen hatte seine Abwesenheit ein Blutbad ermöglicht. Nicht einmal seine sanftmütige Mutter hatten die Angreifer verschont. Niemals mehr würde ihre Hand so wie früher zärtlich seine Wange streicheln. »Glaube an dich, mein Sohn, was immer auch geschieht.« Nie wieder würde er diese Worte aus ihrem Munde hören.
Rédouan war davon überzeugt, dass er die Katastrophe verhindert hätte, wenn er nur da geblieben wäre. Diese Schuld lastete schwer auf seinen Schultern. Eigenhändig grub er unter einer knorrigen alten Weide die Erde für die Gräber seiner Eltern aus. Unzählige Male hatten die beiden hier Seite an Seite gesessen. Zwei Liebende, die sich geschworen hatten, einander niemals zu verlassen. Auch der Tod würde sie nicht trennen. Am oberen Ende der kleinen Erdhügel errichtete Rédouan zwei Kreuze aus Holz, in die er die Initialen seiner Eltern einschnitzte. JvD und MvD.
Während Rédouan mit Inbrunst das Gebet für seine Eltern sprach, wuchs in ihm die Gewissheit, dass es für ihn nur eine Möglichkeit gab, seine Schuld zu sühnen. Er würde dazu beitragen, die Heiden aus dem Heiligen Land zu vertreiben.
Wie lange er am Grab verweilte, wusste er nicht. Ungezählte Stunden später stieg er endlich auf sein Pferd. In der nächsten Ortschaft hielt er an und berichtete den Bewohnern, was sich auf der Burg ereignet hatte. Man versprach ihm, sich um die übrigen Leichen zu kümmern. Auch sie hatten ein christliches Begräbnis verdient.
Er selbst gab seinem Pferd die Sporen. Victor von Doussy, sein Oheim und nunmehr sein einziger lebender Verwandter, ritt bereits Richtung Jerusalem. Ihm würde Rédouan sich anschließen. Und niemand würde mit größerer Todesverachtung im Zeichen des christlichen Kreuzes kämpfen als er.

Marielle - Prolog (4)

Nur zwei Reitstunden entfernt kroch das Morgenlicht in die Burg des Grafen Michel von Doussy. Männer und Frauen verließen ihre Schlafstatt, um mit dem Tagewerk zu beginnen. Im Freien empfing sie beißender Wind und sie mussten die Augen zusammenkneifen, um sich gegen ihn zu schützen. Der Angriff traf sie unvorbereitet. Seit Jahren lebte man hier in Frieden. Pfeilspitzen durchbohrten die Herzen der beiden Männer, die auf dem Holzturm Wache hielten, noch ehe sie Alarm schlagen konnten. 

Der Priester, der gerade mit dem Gebet beginnen wollte, bemerkte als Erster das nahende Unheil. »Wir werden angegriffen«, rief er mit zitternder Stimme. Jetzt wurden auch die anderen aufmerksam. Schreiend versuchten sie sich vor den Pfeilen, die über die schützenden Mauern regneten, in Sicherheit zu bringen. 

Auf dem Gesicht des Burgherrn spiegelte sich Furcht. Sofort befahl er seinen Kommandanten herbei. »Jeder Mann soll sein Schwert ergreifen. Die Frauen kümmern sich um die Kinder. Gnade uns Gott!« 

Aber Gott zeigte an diesem Morgen keine Gnade mit den Bewohnern der Burg. Fast alle wurden in einem Rausch von Blut und Grausamkeit dahingemetzelt. Wem die Flucht gelang, der versteckte sich in den angrenzenden Wäldern.

Als nur wenige Stunden nach dem Angriff Als nur wenige Stunden nach dem Angriff Rédouan von Doussy, der Sohn des Burgherrn, nach Hause zurückkehrte, schreckte er entsetzt zurück. Die Angreifer hatten die Köpfe seiner Eltern rechts und links vom Burgtor auf Pfeilern aufgespießt. Ihre blutüberströmten Körper lagen achtlos zwischen den anderen leblosen Leibern. Der Anblick brachte Rédouan beinahe um den Verstand. Zudem stank es widerwärtig nach Blut und anderen menschlichen Ausscheidungen. Erst nachdem Rédouan seinen gesamten Mageninhalt in den Staub entleert hatte, war er in der Lage, wieder einigermaßen klar zu denken.  

  

Marielle - Prolog (3)

Paulette war nicht nur Marielles Magd, sondern auch ihre beste Freundin seit Kindheitstagen. Nachts schlief sie in der Nische, die direkt an Marielles Kammer grenzte. Doch letzte Nacht hatte sie sich erst vergewissert, dass Victor von Doussy fort war, bevor sie sich selbst hinlegte. Entsprechend übermüdet fühlte sie sich nun. Aber was bedeutete ihre Müdigkeit im Vergleich zu dem Leid, das Marielle ertragen hatte?
Bekümmert musterte Paulette das leichenblasse Gesicht der Freundin. Die sonst sorgfältig geflochtenen lockigen Haare umrahmten wirr das schmale Gesicht. Die blauen Augen blickten stumpf und glanzlos.
»Er hat meinem Vater versprochen, mich nicht anzurühren. Nicht bevor ich achtzehn bin und er aus Jerusalem zurückgekehrt ist.« Verzweifelt schlug Marielle die Hände vor das Gesicht. Glasklar sah sie wieder alles vor sich. Wie ein wildes Tier war Victor von Doussy über sie hergefallen. Sein verschlagener Blick hatte sich für immer unauslöschlich in ihr Herz gebrannt.
Unsicher, weil sie nicht wusste, wie sie der Freundin helfen konnte, begann Paulette, die Kissen aufzuschlagen. Dabei entdeckte sie die Blutspuren auf dem weißen Leinentuch. Mit einem kräftigen Ruck zog sie es ab. »Ich werde gleich ein neues auflegen«, sagte sie.
»Ich hasse den Grafen«, stieß Marielle heftig hervor.
»Er ist dein Gemahl, Marielle.«
Mit einer heftigen Handbewegung wischte Marielle den Einwand beiseite. »Und gibt ihm die Hochzeit das Recht, mich wie Dreck zu behandeln? Victor von Doussy ist kein Ehrenmann. Ich werde ihn niemals als Mann an meiner Seite akzeptieren.«
Hastig schlug Paulette das Kreuzzeichen vor der Brust. »Du versündigst dich, Marielle. Du hast vor Gott versprochen, deinen Mann zu ehren und ihm zu gehorchen bis an sein Lebensende.«
Trotzig verschränkte Marielle die Arme vor der Brust. »Glaubst du, ich weiß das nicht? Aber ich habe ihn nur meinem Vater zuliebe geheiratet. Wenn ich geahnt hätte…« Ihre Unterlippe zitterte verräterisch. Im nächsten Moment brach sie in heftiges Schluchzen aus. Paulette ließ das Laken, das sie noch immer in den Händen hielt, achtlos zu Boden fallen. Tröstend zog sie ihre Freundin in die Arme. Eng umschlungen bot sie Marielle Halt, bis diese sich halbwegs beruhigt hatte und auf Abstand zu ihr ging.
»Ich stürze mich ins Wasser, wenn daraus…« Marielle biss sich heftig auf die Lippen. Sie schämte sich für die Worte, die ihr auf den Lippen lagen.
»…wenn du ein Kind von ihm erwartest?« Wie fast immer verstand Paulette die Freundin auch ohne Worte. »Soweit wird es nicht kommen.«
»Was meinst du?«
»Meine Mutter hat mir das Geheimnis eines Kräutertrunkes verraten. Zum Schutz vor den hochherrschaftlichen Herren, die es lieben, uns Mägden heimlich aufzulauern.«
»Oh!« Marielle sah Paulette plötzlich mit neuen Augen an. Die Mädchen waren sich vertraut wie Schwestern, aber noch nie hatte ihr Paulette erzählt, dass sie keine Jungfrau mehr war.
»Nun guck nicht so überrascht«, sagte Paulette mit schiefem Lächeln. »Bei Mädchen meines Standes ist dies nichts Ungewöhnliches. Weißt du nicht, dass wir von den Herren als Freiwild angesehen werden?«
»Du hast nie etwas erzählt« Ein deutlicher Vorwurf schwang in Marielles Stimme mit, dem Paulette nur mit einem Schulterzucken begegnete.
»Ich helfe dir. Du brauchst es nur zu sagen«, drängte sie.
Unschlüssig rang Marielle die Hände. Von klein auf war ihr eingeschärft worden, dass es für Frauen nur eine Bestimmung im Leben gab: die der Ehefrau und Mutter. Die Lehren der Kirche lasteten in diesem Augenblick schwer auf ihrem Gewissen. Niemand hatte ihr verraten, dass die Erfüllung ihrer angeblichen Bestimmung mit Schmerzen und Demütigung einhergehen würde. Niemals würde sie ein Kind, das unter solchen Umständen gezeugt worden war, lieben können. Je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurden ihre Gedanken.
»Wenn das Schicksal ein Einsehen hat, lässt es deinen Mann auf dem Schlachtfeld  sterben«, drang Paulettes Stimme zu ihr durch.
Schweigend blickten sie einander an. Dann sagte Marielle: »Ich wünsche Victor von Doussy von ganzem Herzen den Tod. Möge sein Leib auf den Schlachtfeldern vor Jerusalem in Fetzen zerrissen werden und seine Seele im ewigen Fegefeuer schmoren. So wahr mir Gott helfe.« Noch nie zuvor hatte Marielle einen Menschen verflucht. Umgehend verspürte sie Erleichterung. Zu allem entschlossen hob sie den Kopf und schob das Kinn vor. Ihre Finger waren eiskalt, als sie die Hände der Freundin in die ihren nahm.
»Bitte brau mir diesen Trunk, Paulette«, bat sie flehentlich. »Hilf mir.«