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2. Kapitel (1)

Dieser Eintrag stammt von Corinne Althaus Am 1.6.2007 @ 11:31 In 2. Kapitel | 1 Kommentar

»Und wo bist du dieses Mal gewesen?« Missbilligend musterte Ghislaine ihre Stieftochter. Marielle war es nicht gelungen, unbemerkt ihre Kammer zu erreichen. Peinlich berührt versteckte sie ihre vom Waldboden schmutzigen Hände zwischen den breiten Stofffalten ihres Kleides, während sie mit stolz erhobenem Kopf ihrer Stiefmutter Rede und Antwort stand.
Paulette versuchte wie immer, ihr beizustehen. »Sie kann kaum länger als fünf Minuten fort gewesen sein«, sagte sie. »Wir haben vorhin noch gemeinsam die Wolle zum Spinnen in den Bergfried getragen.« Ihr Blick flog hinüber zu Marielle, die kaum merklich den Kopf schüttelte.
Nicht lügen, bedeutete die Bewegung. Kam Ghislaine dahinter, würde sie sich bei der nächsten Gelegenheit an Paulette rächen, bevor Marielle sie beschützen konnte.
»Mir ist das unerklärlich. Jeder auf der Burg weiß, dass du nicht ohne meine Erlaubnis das Gelände verlassen darfst. Nenn mir die Namen der Männer, die heute das Tor gehütet haben, damit ich sie zur Rechenschaft ziehen kann.«
»Das wird nicht nötig sein«, widersprach Marielle mit klarer Stimme, das Kinn trotzig vorgeschoben. »Die Wachen tragen keine Schuld. Ich habe darauf geachtet, dass sie mich nicht bemerken. Sie verdienen keine Strafe.«
Marielle war entschlossen, die Verantwortung für ihren kurzen Ausflug selbst zu übernehmen. Nur sie kannte den Weg, der unbemerkt hinaus führte. Sylvie, ihre verstorbene Mutter, hatte ihr den Fluchtweg für den Fall gezeigt, dass Angreifer die Burg belagerten. Niemals würde sie das Geheimnis preisgeben, das hatte sie versprochen.
»Die Entscheidung, ob und wen ich bestrafe, kannst du getrost mir überlassen, Marielle!« Ghislaine erhob sich verärgert von ihrem Stuhl und trat ans offene Fenster, um sich von den eindringenden Strahlen der Sommersonne wärmen zu lassen. Für eine Weile waren nur die Geräusche zu hören, die von draußen hereindrangen. Auf dem Hof wimmelte es von Händlern, die ihre Waren anboten.  Es herrschte reges Gedränge und fröhliches Stimmengewirr. Neidvoll erinnerte sich Ghislaine an die bildhafte Erzählung eines Händlers, der erst vor kurzem aus Konstantinopel zurückgekehrt war. Dort lebte der wohlhabende Adel in Palästen aus Stein und vor den Fenstern prangten Scheiben aus Glas, einem Material, das sie nur vom Hörensagen her kannte. Stephan hatte gelacht, als sie ihm davon erzählte. Er war mit einem einfachen Bauwerk aus Lehm und Holz vollkommen zufrieden. In erster Linie sollte die Burg ihn, seine Familie und den Rest der Bevölkerung vor seinen Gegnern schützen. Entsprechend zweckmäßig war sie gebaut. Ein Graben umgab den Hof mit seinen Holzpalisaden als Abgrenzung. Darüber führte die Zugbrücke ins Innere. Ein zweiter ringförmiger Graben umgab die Motte, einen aufgeschütteten Erdhügel, auf dem sich das Wohngebäude und der Bergfried befanden. Fertig.
Ghislaine spürte, wie angesichts der herrschenden Kargheit der Zorn in ihr aufstieg. Sie sehnte sich nach ein wenig Komfort und Luxus. Und danach, am Hofe des Königs eine herausragende Rolle zu spielen. Zu ihrer maßlosen Enttäuschung stieß sie jedoch mit ihrem Wunsch bei Stephan auf taube Ohren. Er interessierte sich weder für das eine noch für das andere. Ghislaines Ärger brauchte ein Ventil. Abrupt drehte sie sich zu Marielle um.
 


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