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Prolog (2)
Dieser Eintrag stammt von Corinne Althaus Am 17.10.2008 @ 16:14 In Prolog | 1 Kommentar
Der Rauch des niederbrennenden Feuers biss ihm in den Augen, der Gestank menschlicher Ausdünstungen verdarb ihm den Appetit. Raymond von Doussy schnappte sich sein Bündel und bahnte sich den Weg durch die weinselige Gästeschar hinaus ins Freie. Auch draußen durchschnitt scharfer Qualm die Luft, aber er war besser auszuhalten als drinnen in der Halle. Unschlüssig, wo er nun die Nacht verbringen sollte, schaute Raymond sich auf dem Gelände um. Anders als die heimische Burg seines Vaters verfügte die des Grafen Stéphan von Mâcon und Burgund neben dem stattlichen Bergfried auch noch über ein geräumiges Wohnhaus mit Halle. Raymond fragte sich nicht, wie es der Burgherr zu so viel Reichtum und Wohlstand gebracht hatte. Die Antwort war ohnehin für jedermann offensichtlich. Die Grafschaft Mâcon lag genau auf der Grenze zwischen dem Königreich Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Jeder, der die Saint-Laurent-Brücke überquerte, füllte mit seinem Wegezoll die Kasse des Burgherrn. Obwohl Raymond vermutlich niemals über vergleichbares Eigentum verfügen würde, war in seinem Herzen kein Platz für Neid und Missgunst. Er besaß einen Schatz, der mit keinem Gold der Welt aufzuwiegen war - die Liebe seiner Frau Adelaide, die sein ungeborenes Kind unter dem Herzen trug.
Leise fluchend überquerte Raymond den Burghof. Der Gedanke, dass seine Frau vielleicht in diesem Moment in den Wehen lag und er ihr nicht beistehen konnte, setzte ihm zu. Er hätte niemals auf die Bitte seiner Eltern eingehen dürfen, der Hochzeit beizuwohnen. Besonders seine Mutter hatte ihn bedrängt.
»Geh, damit endlich wieder Frieden unter den Brüdern herrschen kann.« Sie hatte verzweifelt gewirkt, wollte aber nicht mit einer näheren Erklärung herausrücken. Oh, wie er das hasste. Diese ewigen Andeutungen und Halbwahrheiten. Sprach er seine Eltern direkt auf den Konflikt an, der zwischen ihnen und seinem Onkel Henri schwelte, wichen sie ihm aus. Als ob er immer noch der kleine Junge von früher war, den sie schützen mussten.
Nur so viel wusste er: Monate vor seiner Geburt war es zu einem Streit gekommen, in dessen Verlauf Henri seinen Bruder, Raymonds Vater, beinahe getötet hätte. Seitdem hatte so gut wie kein Kontakt mehr zwischen den Familien bestanden. Umso größer fiel das Erstaunen über Henris unerwartete Einladung zu seiner Vermählung mit Marielle von Mâcon und Burgund aus und die gleichzeitige Ankündigung, sich auf bewaffnete Pilgerfahrt nach Jerusalem begeben zu wollen.
»Dein Vater wird nicht nachgeben, aber du kannst uns bei der Hochzeit vertreten und damit den Boden für die Versöhnung bereiten. Setz ein Zeichen – bevor es zu spät ist.« Raymond erschauderte. Unbewusst fühlte er nach dem versiegelten Brief, den sie ihm für Henri mitgegeben hatte.
»Händige dieses Schriftstück deinem Onkel gleich nach deiner Ankunft aus. Versprich mir, dass du es nicht vergisst.« Raymond räussperte sich. Nichts würde er lieber tun, als seiner Mutter diesen Gefallen zu erweisen und danach auf dem schnellsten Weg zurück nach Hause eilen. Aber noch hatte er seinen Onkel kein einziges Mal zu Gesicht bekommen.
In Gedanken versunken übersah Raymond einen Hund, der zusammengerollt auf dem Boden schlief. Schmerzerfüllt jaulte dieser auf, als Raymonds unbeabsichtigter Fußtritt ihn traf. Während Raymond ihm schuldbewusst hinterher sah, spürte er, wie sich seine Haare im Nacken aufrichteten.
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