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1. Kapitel (1, neu)

Friday, May 9th, 2008

Frankenland, Sommer 1103

1. Kapitel

Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter – die Jahreszeiten zogen ins Land, eins ums andere Mal. Das Kind Marielle wuchs zu einer jungen Frau heran. Doch noch immer wohnte sie auf der väterlichen Burg in der Kemenate, in der sie geboren worden war, anstatt wie andere Frauen ihres Alters längst bei ihrem Ehemann zu leben.

»So kann es nicht weitergehen, Stephan.« Ohne Umschweife brachte Ghislaine das Gespräch auf den Kern ihres Anliegens. Als sie den bekümmerten Blick ihres Gatten auffing, hielt sie diesen unerbittlich mit den Augen fest. »Diesmal wirst du mir nicht ausweichen, wenn es um deine Tochter geht.«

»Niemand weicht dir aus.« Matt fuhr sich Stephan mit der Hand über das Gesicht. Diese entsetzlichen Leibschmerzen. Ein winziger Kobold schien sich in seinen Eingeweiden eingenistet zu haben, um dort das Innerste nach außen zu kehren. Stephan konnte sich nicht mehr erinnern, wann es damit angefangen hatte. Zermürbt war er bereit zu glauben, dass die Schmerzen immer schon da gewesen waren. Mal spürte er sie stärker, mal spürte er sie schwächer. Vergessen konnte er sie nie.
Kein Kräutertrank half auf Dauer. Ein Aderlass brachte nur vorübergehend Erfolg. Die ständige Qual zerrte an seinen Kräften, machte ihn müde und unkonzentriert. Lange halte ich das nicht mehr aus. Am Morgen, gleich nach dem Aufstehen, war ihm der Gedanke zum ersten Mal durch den Kopf geschossen. Seitdem kämpfte er mit seiner Verunsicherung. Früher, als er noch für seinen König in die Schlacht gezogen war, ritt der Tod stets wie ein getreuer Freund an seiner Seite. Damals hatte ihn das Schicksal verschont. Wozu? Damit er nun wie eine alte Frau in seinem Bett sterben musste? Stephan schüttelte sich angewidert bei dem Gedanken.

»Niemand weicht dir aus«, wiederholte er wie zu seiner eigenen Bekräftigung, aber so leise, dass Ghislaine ihn kaum verstehen konnte. »Sag, was du auf dem Herzen hast, aber beeil dich.«

Ghislaine sah ihn aus schmalen Augen an. »Du siehst blass aus.“ Sie zückte ihr Taschentuch, trat auf ihn zu und begann, winzige Schweißperlen von seiner Stirn zu tupfen. »Ich werde dir einen Becher mit Milch bringen lassen, die wird dich stärken.«

Gerührt über ihre Besorgnis spielte ein warmes Lächeln um Stephans Lippen. Er wusste, dass unter den Lehnsleuten im Land über seine Frau schlecht geredet wurde. Als kaltherzig und grausam war sie verschrien. Die Bauern nahmen es ihr übel, dass Ghislaine persönlich die schönsten Töchter aus ihren Familien riss, um sie auf der Burg als Mägde zu beschäftigen. Für kargen Lohn mussten diese bis tief in die Nacht hinein schuften und wehe, wenn sie dabei das Missfallen ihrer Herrin erregten. Dann kam es vor, dass Ghislaine eigenhändig die Peitsche gegen die Schuldige erhob.
Stephan konnte im Verhalten seiner Frau nichts Verwerfliches erkennen. Letzten Endes war Ghislaine als seine Gattin die Dame der Burg. Große Verantwortung lastete auf ihren Schultern. Sie stand ihm zur Seite und beaufsichtigte den inneren Bereich des Hauses. Sie bewachte das Geschmeide, die Kleidung und die Nahrungsvorräte. An ihrem Gürtel hingen die Schlüssel für die Truhen und die gesamte weibliche Bevölkerung stand unter ihrer Herrschaft. Ihrer Tüchtigkeit zollte Stephan seinen Respekt. Noch mehr aber schätzte er die liebevolle Fürsorge, mit der Ghislaine ihn umgab – und ihre Liebeskünste, mit denen sie ihn des Nachts verwöhnte.
Ein ungeplanter Seufzer entwich seiner Brust.