Archive for the ‘1. Kapitel’ Category

1. Kapitel (9)

Tuesday, May 29th, 2007

»Du hast mich doch verstanden?« Eindringlich sah der Ritter sie an. Marielle zwang sich dazu, mit dem Kopf zu nicken. »Ja, ich habe Euch verstanden.« Sie wandte sich zurück zu ihrem Versteck, um das Buch, in dem sie gelesen hatte, zu holen. Sorgfältig vermied sie dabei jede hastige Bewegung. Auf keinen Fall wollte sie den Ritter misstrauisch stimmen. Sie fand das Buch und hob es auf. 

»Hier ist es.« Überrascht betrachtete Rédouan das zerfledderte Exemplar der Heiligen Schrift, das sie ihm in die offenen Hände legte. »Du liest die Vulgata?« Ein seltsamer Unterton schlich sich in seine Stimme. Als sie ihn anblickte, hatte sich seine Miene verfinstert und ein bitterer Zug lag um seine Lippen. 

»Wenn du wüsstest, wie viel Unheil dieses Buches schon angerichtet hat«, sagte er. »Ich war dabei, als im Namen des Kreuzes unschuldige Kinder und Frauen auf bestialische Weise ermordet wurden. Wenn du schon unbedingt deine Zeit mit Lesen vergeuden musst, dann solltest du deine Lektüre sorgfältiger auswählen.« Starr vor Erstaunen blieb ihr der Mund offen stehen. 

»Ihr redet wie ein Ketzer!«, brach es aus ihr heraus. 

Er machte sich nicht die Mühe ihr zu widersprechen. Offenbar war er der Meinung, ihr genug Zeit geopfert zu haben.

»Es ist für ein junges Mädchen gefährlich, sich allein im Wald herumzutreiben. Sieh zu, dass du nach Hause kommst, bevor dich eine Räuberbande aufgreift. Nicht jeder nimmt so viel Rücksicht wie ich.« In der nächsten Sekunde drückte er seinem Pferd die Fersen in die Flanken. Sofort setzte sich das brave Tier in Bewegung. Ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen, ritt der Fremde davon. Das ist gerade noch einmal gut gegangen. 

Im nahen Dorf läuteten die Kirchturmglocken. Marielle zählte die Schläge mit und kam auf fünf. Nicht mehr lange, und man würde sie auf der Burg vermissen. Mit beiden Händen raffte sie ihre Röcke. Eilig machte sie sich auf den Heimweg. 

 

1. Kapitel (8)

Monday, May 28th, 2007

»Du brauchst keine Angst zu haben, Mädchen. Du wirst es überleben.« Die Stimme des Fremden klang heiser und unwillkürlich fragte sich Marielle, ob der Mann vielleicht krank war. Doch in der nächsten Sekunde ließ er ein Fragengewitter auf sie herabprasseln, das bei ihr jedes Mitleid für ihn im Keim erstickte.
»Wie heißt du und was machst du hier? Warum versteckst du dich? Wer schickt dich?« Dabei versetzte er ihr ungeduldig mit der Hand einen kräftigen Schubs gegen den Arm. Empört taumelte sie zurück.
»Wie ich heiße?«, stotterte sie. »Mein Name ist … Paulette.« Im Stillen bat sie die Freundin um Verzeihung, weil sie sich ihren Namen auslieh. Aber sie hielt es für ungefährlicher zu lügen als die Wahrheit zu sagen. Auf diese Weise riskierte sie wenigstens nicht, als Geisel gegen ihren Vater benutzt zu werden. Er galt allgemein als wohlhabend, was so manchen Strauchdieb in Versuchung führen könnte.
»Und wie heißt Ihr, Herr?«, gab sie störrisch zurück.
Täuschte sie sich oder blitzte es für einen Moment in seinen Augen belustigt auf?

»Ich stelle hier die Fragen.« Nach wie vor ruhte seine Hand auf dem Griff seines Schwertes, was Marielle nicht entging. Sie sah ein, dass sie ohne einen geschulten Kämpfer an ihrer Seite gegen ihn nichts erreichen konnte. Und wieder einmal ärgerte sie sich darüber, dass sie nicht als Junge zur Welt gekommen war.
»Wenn Ihr denkt, ich habe euch aufgelauert, dann liegt Ihr falsch«, murrte sie. »Ich bin lediglich zum Lesen in den Wald gekommen, nichts weiter.«
»Soso.« Rédouan betrachtete das Mädchen, das er zunächst für eine einfache Magd gehalten hatte, mit neugierigem Interesse vom Kopf bis zu den Füßen. Der grobe Leinenstoff ihres hellblauen Kleides fiel locker an ihrem Körper herab und verbarg ihn vor seinen abschätzenden Blicken. Eher zufällig blieb er bei ihr in Brusthöhe hängen. Ob ihre Brüste tatsächlich so üppig waren, wie sie sich unter dem Gewand abzeichneten? Große Brüste entsprachen zwar nicht dem gängigen Schönheitsideal. Dennoch übten sie einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus.

Zutiefst beunruhigt verschränkte Marielle die Arme vor dem Oberkörper. Der Fremde jagte ihr Angst ein. Sie besaß zu wenig Erfahrung im Umgang mit Männern, um seine Absichten richtig einschätzen zu können.

»Bitte nicht«, flehte sie, als sich ihre Blicke begegneten. Angstvoll blickte sie ihn an.
»Mein Gott, du zitterst ja am ganzen Leib.

Was ist denn los?« Er legte seine Hand unter ihr Kinn und hob es leicht an. »Du kommst mir bekannt vor«, überlegte er laut und wunderte sich, dass ihm dies erst jetzt auffiel. »Sind wir uns schon einmal begegnet?«

Eine Welle der Panik schlug über Marielle zusammen. Obwohl sie sich bemühte, dagegen anzukämpfen, konnte sie nichts ausrichten. Die Umgebung wich vor ihr zurück und schien in einem dichten Nebelfeld zu verschwinden. Die Furcht lähmte ihre Zunge. Sie war unfähig, einen Ton, geschweige denn ein Wort oder einen ganzen Satz über die Lippen zu bringen. Grenzenlose Angst ergriff von ihr Besitz.
Überrascht bemerkte Rédouan ihren kläglichen Zustand. »Du glaubst, ich will dir Gewalt antun«, stellte er nüchtern fest. Sofort ging er auf Abstand zu ihr, damit sie sich beruhigen konnte. Die junge Frau dankte ihm, indem sie einen tiefen Seufzer ausstieß.
»Und du willst ernsthaft behaupten, dass du lesen kannst?«, versuchte Rédouan sie auf andere Gedanken zu bringen. »Nicht einmal ich bringe es fertig, mehr als drei Sätze hintereinander zu buchstabieren«, log er. »Zeig mir das Blatt Papier, für das du dir erst ein Versteck suchen musst, um es zu lesen.«
Es kostete Marielle eine fast übermächtige Anstrengung, die Furcht abzuschütteln. Seit ihrer Hochzeitsnacht war etwas in ihr zerbrochen. Obwohl seitdem viel Zeit vergangen war, hatte sie die Demütigung immer noch nicht überwunden. Jedes Mal, wenn ihr ein Mann näher als auf Armeslänge kam, brach ihr der Schweiß aus, während sie gleichzeitig vor innerer Kälte zu frieren begann. Sie wusste selbst, dass ihre Reaktion auf Männer nicht normal war, konnte aber auch nichts daran ändern.

1. Kapitel (7)

Friday, May 25th, 2007

Zunächst schien der Schreck Marielle zu lähmen. Doch dann schrie sie vor Angst auf. Verzweifelt begann sie, mit den Armen um sich zu schlagen, um ihn abzuwehren. Unbeeindruckt riss ihr Gegner sie in die Höhe und zerrte sie zu sich herum. »Nein!«, keuchte Marielle verzweifelt. »Bitte, tut mir nichts.« 

»Es wäre mir ein Leichtes.« Marielle zweifelte nicht daran. Ihre Hände fuhren hinauf zum Ausschnitt ihres Kleides. Schmerzhaft schnitt ihr die Kante am Hals ins Fleisch. Marielle hörte auf, sich zu wehren. Wenn ihr Gegner sie nicht bald frei gab, würde sie ersticken. Schon drohten ihr die Knie weich zu werden. Da endlich ließ er sie los. Sie fiel auf den Rücken und rang verzweifelt nach Luft. Bedrohlich ragte die Gestalt des Mannes über ihr auf. Silbriges Metall glitzerte in der Sonne und blendete sie. Da erst bemerkte sie, dass die Spitze seines Schwertes direkt auf ihre Brust gerichtet war. 

Sein Blick war voller Misstrauen, als er sie eingehend musterte. Doch schließlich zog er die Waffe zurück und schob sie in die Lederscheide, die an seinem Waffengurt befestigt war. »Für dich brauche ich kein Schwert«, sagte er. Der Spott, der in seinen Worten mitschwang, verletzte Marielle in ihrem Stolz. Doch klugerweise vermied sie es, ihn mit einer scharfen Erwiderung zu reizen. Stattdessen erhob sie sich vorsichtig auf die Füße und betastete ihren Hals. 

Der Mann lachte leise. Er wirkte nicht abstoßend, dennoch flößte er ihr Angst ein. Noch wusste sie nicht, wie sie ihn einschätzen sollte. 

1. Kapitel (6)

Thursday, May 24th, 2007

Marielle unterdrückte mühsam einen Seufzer, als sie daran dachte. Wäre sie doch als Junge geboren worden. Jungen wurden schon als Zehnjährige fortgeschickt, um bei den Lehnherren ihrer Väter das Waffenhandwerk zu lernen. Mädchen hingegen waren darauf angewiesen, sich heimlich in die benachbarten Wälder zu schleichen, um wenigstens einen Hauch von Freiheit zu genießen.
Halbherzig schlug sie das christliche Kreuzzeichen vor der Brust. Ihre Gedanken waren gefährlich und führten zu nichts. Sie trugen ihr höchstens Ärger ein. Denn Ghislaine erwartete von ihr Sanftmut und Gehorsam, so wie es sich schickte für Frauen ihres Standes. Ghislaine hielt Marielle für undankbar, weil sie einen so angesehenen Mann wie Victor von Doussy als Ehemann nicht zu schätzen wusste. Wenn sie wüsste, dass Marielle nach wie vor jeden Abend für den Tod dieses Mannes betete – sie würde keine Sekunde zögern, ihre Stieftochter persönlich mit Prügel zu bestrafen.
Marielle wusste, dass sie in Gedanken gegen das heilige Sakrament der Ehe verstieß, weil sie ihren Ehemann ablehnte und hasste. Aber die Nacht, in der Victor von Doussy ihr bis zur Bewusstlosigkeit Gewalt angetan hatte, war unauslöschlich in ihr Herz gebrannt. Niemals würde sie ihm diese Freveltat verzeihen. Der Gedanke, dass er vielleicht noch lebte und eines Tages erneut auf seinem ehelichen Recht bestehen könnte, hielt sie in Angst und Schrecken.
Doch wohin sollte es führen, wenn sie sich immer wieder dieselben Fragen stellte? Victor von Doussy war weit weg und es war weitaus wichtiger, sich auf den fremden Ritter vor ihr zu konzentrieren als auf das, was eines fernen Tages vielleicht sein könnte.
Es herrschten unruhige, bedrohliche Zeiten. Seitdem Papst Urban II zur bewaffneten Pilgerfahrt und zum Kampf gegen die heidnischen Fürsten in Jerusalem aufgerufen hatte, lebte das Volk in Aufruhr. Fast aus jeder Familie fanden sich Menschen in Gruppen zusammen, um gemeinsam ins Heilige Land zu ziehen. Dieu le volt, Gott will es, ertönte es überall in den Straßen. Obwohl keine Kriegszeiten herrschten, streiften immer wieder Banden durchs Land, die raubten und mordeten. Wer dazu gehörte, behauptete frech, in heiliger Mission auf dem Weg nach Jerusalem unterwegs zu sein. Und häufig stimmte es auch. Die meisten Menschen, die dem Zug folgten, waren arm und hatten kaum das tägliche Brot zum Leben. Ungeniert bedienten sich daher viele bei denen, die daheim blieben. Gott will es!
Mit den Augen suchte Marielle bei dem Fremden nach dem typischen Kreuz aus rotem Stoff auf der Tunika, da fiel ihr der Stoffumhang aus herrlich zartem Material auf. Niemand, den sie kannte, trug ein solches Tuch. Und sie kannte auch niemanden, der etwas Vergleichbares herstellte. Der Reiter kam nicht aus der näheren Umgebung, ebenso wenig wie sein Pferd. Die Tiere, die im Stall Ihres Vaters standen, waren größer gewachsen und wiesen einen kräftigeren Körperbau auf.
Marielle erschrak. Instinktiv hielt sie den Atem an, als sich der Fremde nach vorne beugte und wachsam das dichte Buschwerk musterte. Für einen Moment ruhten seine Augen genau auf ihrem Versteck. Doch dann schweiften sie suchend weiter.
Er hat mich nicht bemerkt.
Erleichtert wischte sie sich mit dem Ärmel ihres Kleides die Schweißperlen vom Gesicht. Sobald er weiterreiten würde, war sie außer Gefahr, aber als sie wieder aufblickte, spürte sie kaltes Metall an ihrem Hals. Eine Hand packte sie erbarmungslos am Kragen und zerrte sie hinter dem Gebüsch hervor.

1. Kapitel (5)

Wednesday, May 23rd, 2007

Alarmiert brachen seine Gedanken ab, als zu seiner Rechten im Unterholz deutlich hörbar ein Zweig knackte. Instinktiv nahm er die Zügel wieder fester in die Hand. Auch Fatana hielt die Ohren gespitzt. Folglich hatte er sich nicht getäuscht.
Gewarnt setzte Rédouan seinen Weg fort. War es doch ein Fehler gewesen, ohne Begleitung zur Burg des Grafen von Rouen zu reiten? Der Wein am Vorabend hatte ihn leichtsinnig gemacht. Anstatt sich von seiner Kohorte begleiten zu lassen, hatte er seinen Mannen erlaubt, sich für ein paar Stunden ohne ihn zu amüsieren. Wer wusste in diesen Tagen schon, wie lange ein Menschenleben noch dauerte? Sollten sie ihre freie Zeit nach Herzenslust genießen.
Rédouans Hand fuhr zum Schwert, als es links von ihm im Unterholz raschelte. Im nächsten Moment sprang ein Kaninchen aufgeregt über die Lichtung direkt auf ihn zu. Fatana wieherte warnend. Anderthalb Meter vor dem sicheren Zusammenprall schlug das kleinere Tier einen Haken und wechselte die Laufrichtung. Rédouan zog die Zügel an. Das Kaninchen war nicht ohne Grund so aufgeregt aus dem Unterholz gebrochen.
 
*
 
In ihrem Versteck beobachtete Marielle mit klopfendem Herzen den fremden Ritter. Ihre Gedanken überschlugen sich bei seinem Anblick. Ghislaines Ermahnungen kamen ihr wieder in den Sinn. Die Wälder rings um die Burg waren gefährlich. Wegelagerer trieben sich darin herum, die nur darauf aus waren, ehrbare Leute für ein paar Goldstücke zu ermorden. Im Stillen gab Marielle ihr sogar Recht. Trotzdem verzichtete sie nicht auf ihre heimlichen Fluchten, von denen nur Paulette wusste.
Das Leben auf der Burg trieb Marielle in seiner Eintönigkeit oft zur Verzweiflung. Tag ein, Tag aus derselbe Trott und dieselben bekannten Gesichter. Für eine junge Frau in ihrem Alter hielt das Burgleben kaum Anregung bereit. Ihre einzige Abwechslung stellten die unerwarteten Übernachtungsgäste dar, sofern sie am abendlichen Mahl teilnahmen und Marielle sie dadurch zu Gesicht bekam. Denn leider achtete Ghislaine von Rouen streng auf den guten Ruf ihrer verheirateten Stieftochter. Weder durfte sich Marielle ohne weibliche Begleitung mit einem anderen Mann als ihrem Vater oder einem der männlichen Bediensteten öffentlich zeigen. Noch war es ihr erlaubt, die Burg ohne Begleitung zu verlassen.