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2. Kapitel (2)

Sunday, June 3rd, 2007

»Mit wem warst du da draußen?« Zu ihrem Schrecken spürte Marielle, wie sie errötete. Ihre Gedanken flogen zu dem einsamen Ritter. Konnte ihre Stiefmutter von der Begegnung wissen? Das war unmöglich. 

»Ich verstehe nicht, was du meinst«, wich sie aus. Ihre Stimme klang weit ruhiger als ihr tatsächlich zumute war. »Selbstverständlich war ich allein. Niemand war bei mir.« »Wirklich?« Ghislaine trat auf ihre Stieftochter zu. »Bist du sicher? Kein junger Mann zu deinem Vergnügen?« 

Innerlich zutiefst aufgewühlt presste Marielle trotzig die Zähne aufeinander. Hinter Ghislaines Fragen musste kein Verdacht lauern. Ihre Stiefmutter neigte dazu, wie ein Jäger Fallen zu stellen, in denen sich ihre ahnungslosen Opfer rettungslos verfingen. »Wo ist der Graf?« Unvermittelt drehte Ghislaine sich zu den Mägden um, die sie umringten und sich nun verschreckt gegenseitig ansahen. »Wo ist mein Mann? Nie ist er da, wenn man ihn braucht.« 

Dein Mann! Mein Vater! Dein Mann ist immer noch mein geliebter Vater. Oh hätte er dich doch nie geheiratet. »Lauft und holt ihn!«, befahl ihre Stiefmutter den Mägden. Beunruhigt verfolgte Marielle, wie ihre Stiefmutter die Mädchen scheuchte. Was führte sie im Schilde? Wenn es darum ging, andere Menschen ihre Macht spüren zu lassen, schreckte sie vor nichts zurück. 

Wie aufgeregte Hühner liefen die Mädchen auseinander, um Ghislaines Wunsch zu entsprechen. Im nächsten Augenblick wurde die schlichte Holztür von außen geöffnet und Graf Stephan von Rouen betrat den Raum. Früher war er mit seinen fünfzig Jahren eine stattliche Erscheinung gewesen. Nun wirkten seine Wangen eingefallen und unter den Augen lagen dunkle Schatten. Marielle wunderte sich schon seit langem darüber, dass ihr einst so kräftiger Vater immer weiter verfiel. Erschrocken bemerkte sie, wie ihm die Kleidung um die Glieder schlotterte. Sie wollte zu ihm laufen und ihm um den Hals gefallen, aber der eisige Blick ihrer Stiefmutter hielt sie zurück. Stephan hatte die letzten Worte seiner Frau noch gehört. 

»Was gibt es denn so Dringendes, meine Liebe?«, fragte er im Plauderton. Offensichtlich kam er von einem Ausritt zurück, denn er trug an seinen Stiefeln noch die Sporen. Bei jedem Schritt klirrten sie auf dem harten Lehmboden. »Tagt hier etwa das Jüngste Gericht?« »Deine Tochter hat sich mal wieder davongeschlichen.« Anklagend zeigte sie mit dem Finger auf Marielle. »Sie achtet nicht auf ihren guten Leumund und stürzt uns alle in die Schande.« 

»Das ist nicht wahr!«, rief Marielle empört. »Bist du nicht zu streng mit dem Kind?«, versuchte Stephan zu beschwichtigen. 

»Deine Tochter ist schon lange kein Kind mehr. Und in Anbetracht unserer Pläne liegt es in ihrem eigenen Interesse, sich sittsam zu betragen.« Hellhörig geworden horchte Marielle auf. »Von welchen Plänen sprecht Ihr? Vater?« 

Ihr Vater erwiderte ihren Blick verständnislos. Pläne? Immer häufiger passierte es, dass er sich nicht erinnern konnte. Gedächtnislücken quälten ihn. Dazu diese ständige Übelkeit. Und die Magenkrämpfe. Sein Zustand machte ihm Angst. »Deine Vergesslichkeit ist kaum noch zu ertragen, mein Lieber«, presste Ghislaine in mühsamer Beherrschung zwischen den Zähnen hervor. »Erinnerst du dich nicht mehr? Du hast vorgeschlagen, beim König vorzusprechen, um Victor von Doussy für tot erklären zu lassen.« 

Stephan griff sich an den Kopf. Ihn schwindelte. Der Boden schien unter seinen Füßen zu schwanken. Schweiß brach ihm aus den Poren. Trotzdem versuchte er, sich vor den anderen nichts anmerken zu lassen. Von klein auf war ihm eingetrichtert worden, die eigene Schwäche niemals zu zeigen. Schwäche machte angreifbar. Im Kampf konnte sie ihm zum Verhängnis werden.  Ghislaine beobachtete ihn aufmerksam. Sie konnte er nicht täuschen. Die Arznei, die sie ihm regelmäßig ins Essen mischte, tat ihre Wirkung. In ihrem Herzen triumphierte die Genugtuung über das schlechte Gewissen. Mit jedem Tag, der verging, kam sie ihrem Ziel näher. 

2. Kapitel (1)

Friday, June 1st, 2007

»Und wo bist du dieses Mal gewesen?« Missbilligend musterte Ghislaine ihre Stieftochter. Marielle war es nicht gelungen, unbemerkt ihre Kammer zu erreichen. Peinlich berührt versteckte sie ihre vom Waldboden schmutzigen Hände zwischen den breiten Stofffalten ihres Kleides, während sie mit stolz erhobenem Kopf ihrer Stiefmutter Rede und Antwort stand.
Paulette versuchte wie immer, ihr beizustehen. »Sie kann kaum länger als fünf Minuten fort gewesen sein«, sagte sie. »Wir haben vorhin noch gemeinsam die Wolle zum Spinnen in den Bergfried getragen.« Ihr Blick flog hinüber zu Marielle, die kaum merklich den Kopf schüttelte.
Nicht lügen, bedeutete die Bewegung. Kam Ghislaine dahinter, würde sie sich bei der nächsten Gelegenheit an Paulette rächen, bevor Marielle sie beschützen konnte.
»Mir ist das unerklärlich. Jeder auf der Burg weiß, dass du nicht ohne meine Erlaubnis das Gelände verlassen darfst. Nenn mir die Namen der Männer, die heute das Tor gehütet haben, damit ich sie zur Rechenschaft ziehen kann.«
»Das wird nicht nötig sein«, widersprach Marielle mit klarer Stimme, das Kinn trotzig vorgeschoben. »Die Wachen tragen keine Schuld. Ich habe darauf geachtet, dass sie mich nicht bemerken. Sie verdienen keine Strafe.«
Marielle war entschlossen, die Verantwortung für ihren kurzen Ausflug selbst zu übernehmen. Nur sie kannte den Weg, der unbemerkt hinaus führte. Sylvie, ihre verstorbene Mutter, hatte ihr den Fluchtweg für den Fall gezeigt, dass Angreifer die Burg belagerten. Niemals würde sie das Geheimnis preisgeben, das hatte sie versprochen.
»Die Entscheidung, ob und wen ich bestrafe, kannst du getrost mir überlassen, Marielle!« Ghislaine erhob sich verärgert von ihrem Stuhl und trat ans offene Fenster, um sich von den eindringenden Strahlen der Sommersonne wärmen zu lassen. Für eine Weile waren nur die Geräusche zu hören, die von draußen hereindrangen. Auf dem Hof wimmelte es von Händlern, die ihre Waren anboten.  Es herrschte reges Gedränge und fröhliches Stimmengewirr. Neidvoll erinnerte sich Ghislaine an die bildhafte Erzählung eines Händlers, der erst vor kurzem aus Konstantinopel zurückgekehrt war. Dort lebte der wohlhabende Adel in Palästen aus Stein und vor den Fenstern prangten Scheiben aus Glas, einem Material, das sie nur vom Hörensagen her kannte. Stephan hatte gelacht, als sie ihm davon erzählte. Er war mit einem einfachen Bauwerk aus Lehm und Holz vollkommen zufrieden. In erster Linie sollte die Burg ihn, seine Familie und den Rest der Bevölkerung vor seinen Gegnern schützen. Entsprechend zweckmäßig war sie gebaut. Ein Graben umgab den Hof mit seinen Holzpalisaden als Abgrenzung. Darüber führte die Zugbrücke ins Innere. Ein zweiter ringförmiger Graben umgab die Motte, einen aufgeschütteten Erdhügel, auf dem sich das Wohngebäude und der Bergfried befanden. Fertig.
Ghislaine spürte, wie angesichts der herrschenden Kargheit der Zorn in ihr aufstieg. Sie sehnte sich nach ein wenig Komfort und Luxus. Und danach, am Hofe des Königs eine herausragende Rolle zu spielen. Zu ihrer maßlosen Enttäuschung stieß sie jedoch mit ihrem Wunsch bei Stephan auf taube Ohren. Er interessierte sich weder für das eine noch für das andere. Ghislaines Ärger brauchte ein Ventil. Abrupt drehte sie sich zu Marielle um.