Archive for the ‘Prolog’ Category

Prolog (2)

Friday, October 17th, 2008



Arwens Abendstern - das Symbol einer unsterblichen Liebe bei www.elbenwald.de

Der Rauch des niederbrennenden Feuers biss ihm in den Augen, der Gestank menschlicher Ausdünstungen verdarb ihm den Appetit. Raymond von Doussy schnappte sich sein Bündel und bahnte sich den Weg durch die weinselige Gästeschar hinaus ins Freie. Auch draußen durchschnitt scharfer Qualm die Luft, aber er war besser auszuhalten als drinnen in der Halle. Unschlüssig, wo er nun die Nacht verbringen sollte, schaute Raymond sich auf dem Gelände um. Anders als die heimische Burg seines Vaters verfügte die des Grafen Stéphan von Mâcon und Burgund neben dem stattlichen Bergfried auch noch über ein geräumiges Wohnhaus mit Halle. Raymond fragte sich nicht, wie es der Burgherr zu so viel Reichtum und Wohlstand gebracht hatte. Die Antwort war ohnehin für jedermann offensichtlich. Die Grafschaft Mâcon lag genau auf der Grenze zwischen dem Königreich Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Jeder, der die Saint-Laurent-Brücke überquerte, füllte mit seinem Wegezoll die Kasse des Burgherrn. Obwohl Raymond vermutlich niemals über vergleichbares Eigentum verfügen würde, war in seinem Herzen kein Platz für Neid und Missgunst. Er besaß einen Schatz, der mit keinem Gold der Welt aufzuwiegen war – die Liebe seiner Frau Adelaide, die sein ungeborenes Kind unter dem Herzen trug.

(more…)

Frankreich, 1096

Friday, September 12th, 2008

Marielles Lachen perlte durch den frühen Morgen. Warnend legte ihr Paulette, die Freundin, den Finger auf den Mund.
»Nicht. Willst du, dass Sie uns hört?«

Marielles Augen verdunkelten sich. Sie überlegte. »Und wenn schon!«, stieß sie dann hervor und sofort hellte
sich ihre Miene wieder auf. »Was macht es noch aus?«
  Verschmitzt grinste sie Paulette von der Seite her an, bevor sie sich wegdrehte und leichtfüßig über das gemächlich dahin fließende Bächlein sprang. Ermunternd streckte sie Paulette die Hand hin, doch ihre Freundin zog es vor, allein über den schmalen Holzstieg zu balancieren, der hinüber führte.


Zappelig vor Aufregung schaffte Marielle es nicht, still zu stehen. Ausgelassen hüpfte sie von einem Fuß auf den anderen.
»In ein paar Stunden heirate ich Henri von Doussy. Er ist noch reicher und mächtiger als mein Vater. Und weißt du, was das bedeutet?«


Paulette warf einen nervösen Blick hinüber zu den grasenden Pferden. »Nicht so laut, Marielle, wenn du die Tiere aufschreckst, gibt es Ärger.«

»Aber verstehst du denn nicht? Wenn ich erst einmal verheiratet bin, dann gibt es nie wieder Ärger. Dann hat Sie mir nichts mehr zu sagen. Dann kann sie vor mir stehen und reden, bis ihr der Mund fusselig wird. Ich aber werde nur mein hochmütigstes Gesicht aufsetzen und sagen: Entfernt Euch aus meiner Nähe, ich kann Euren Anblick nicht länger ertragen, Frau Stiefmutter!«
Ein entzücktes Lachen platzte aus Marielle heraus. Sie konnte es bildhaft vor sich sehen, wie die stolze Ghislaine vor ihr, der kleinen Marielle, zurückweichen würde, bleich und gedemütigt. Nie wieder grundlose Strafpredigten, nie wieder herrische Anweisungen, denen Marielle Folge leisten musste. Ein unerwartet heftiges Gefühl drohte dem Mädchen das Herz zu zersprengen. Fühlte sich so die Freiheit an? Beängstigend und beglückend zugleich? Tief sog Marielle die frische Morgenluft in ihre Lungen hinein, um sich zu beruhigen. Sie stutzte, als sie die unglückliche Miene ihrer Freundin bemerkte.


»Ach komm doch, Paulette, lächle! Freust du dich denn gar nicht mit mir?


»Doch… schon… « Paulettes Unterlippe zitterte verräterisch.


Für einen Moment wusste Marielle nicht, wie sie reagieren sollte. An diesem verheißungsvollen Morgen verspürte sie nicht die geringste Lust, sich ihre gute Stimmung nehmen zu lassen – auch nicht von ihrer besten und einzigen Freundin. Gleich darauf schämte sie sich für ihr Zögern, denn sie ahnte, was die Gleichaltrige bedrückte.


Beruhigend griff sie nach Paulettes Hand. Wie immer fühlte sich diese rau und schwielig an, was den Unterschied, der zwischen ihnen bestand, auf grobe Weise spürbar machte. Marielle war das einzige Kind des Grafen von Rouen und Paulette war Marielles Magd. Nichts hatten die Mädchen gemeinsam und doch teilten sie beinahe schon ihr ganzes bisheriges Leben miteinander.


»Ach, Paulette, glaubst du denn wirklich, ich gehe ohne dich von hier fort? Du kommst natürlich mit mir, egal wohin.«


»Sie wird es nicht erlauben.«


»Mein Vater hat es mir versprochen. Sie wird es nicht wagen, ihn gegen sich aufzubringen.«


Die Skepsis stand Paulette im Gesicht geschrieben. »Offen vielleicht nicht. Aber sie findet immer Mittel und Wege, um ihren Willen durchzusetzen.«


»Alte Unke!« Verärgert stampfte Marielle mit dem Fuß auf. »Du schaffst es noch, mir die gute Laune zu verderben.« Blitzschnell versetzte sie der Freundin einen Stups gegen die Schulter. »Komm und fang mich«, rief sie und raffte ihren langen Rock mit den Händen hoch. »Eins, zwei, drei, ich fliege.«


»Komm zurück, Marielle, es ist spät. Sie wird toben, wenn du nicht rechtzeitig umgezogen bist.«


»Angsthase!«

In der Tat sah Paulette furchtsam zurück zum Wohnhaus, hinauf zu der schmalen Fensteröffnung, hinter der sie Ghislaine vermutete. Noch waren die Samtvorhänge zugezogen und hingen schwer nach unten, aber im Grunde besagte dies gar nichts. Der böse Blick von Marielles Stiefmutter Ghislaine durchdrang jedes Hindernis wie Butter, davon war Paulette fest überzeugt.

Ein erstickter Schrei.


Erschrocken blickte Paulette in die Richtung, in die Marielle gelaufen war. Von der Freundin war nichts zu sehen. Stattdessen stand dort ein junger Mann, breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt.


Marielle – Prolog (5)

Tuesday, May 15th, 2007

Rédouan verfluchte sich selbst. Warum bloß hatte er sich von seinem Oheim Victor dazu überreden lassen, als Einziger der Familie an dessen Hochzeit mit Marielle von Rouen teilzunehmen? Damit hatte er gegen den erklärten Willen seines Vaters gehandelt. Seit vielen Jahren schon waren Michel und sein älterer Bruder Victor zerstritten. Den Grund für die Familienfehde hatte Michel seinem Sohn nie verraten. Wenn Rédouan jedoch einigen Andeutungen Glauben schenken durfte, dann lag die Ursache bei seiner Mutter. Denn auch Victor hatte die schöne Marianne seinerzeit begehrt.
Tränen der Reue strömten Rédouan aus den Augen. »Verzeih mir, Vater. Ich wollte doch bloß Frieden stiften.«
Die Versöhnung der feindlichen Brüder war Rédouans Ziel gewesen, als er der Einladung zur Hochzeit gefolgt war. Stattdessen hatte seine Abwesenheit ein Blutbad ermöglicht. Nicht einmal seine sanftmütige Mutter hatten die Angreifer verschont. Niemals mehr würde ihre Hand so wie früher zärtlich seine Wange streicheln. »Glaube an dich, mein Sohn, was immer auch geschieht.« Nie wieder würde er diese Worte aus ihrem Munde hören.
Rédouan war davon überzeugt, dass er die Katastrophe verhindert hätte, wenn er nur da geblieben wäre. Diese Schuld lastete schwer auf seinen Schultern. Eigenhändig grub er unter einer knorrigen alten Weide die Erde für die Gräber seiner Eltern aus. Unzählige Male hatten die beiden hier Seite an Seite gesessen. Zwei Liebende, die sich geschworen hatten, einander niemals zu verlassen. Auch der Tod würde sie nicht trennen. Am oberen Ende der kleinen Erdhügel errichtete Rédouan zwei Kreuze aus Holz, in die er die Initialen seiner Eltern einschnitzte. JvD und MvD.
Während Rédouan mit Inbrunst das Gebet für seine Eltern sprach, wuchs in ihm die Gewissheit, dass es für ihn nur eine Möglichkeit gab, seine Schuld zu sühnen. Er würde dazu beitragen, die Heiden aus dem Heiligen Land zu vertreiben.
Wie lange er am Grab verweilte, wusste er nicht. Ungezählte Stunden später stieg er endlich auf sein Pferd. In der nächsten Ortschaft hielt er an und berichtete den Bewohnern, was sich auf der Burg ereignet hatte. Man versprach ihm, sich um die übrigen Leichen zu kümmern. Auch sie hatten ein christliches Begräbnis verdient.
Er selbst gab seinem Pferd die Sporen. Victor von Doussy, sein Oheim und nunmehr sein einziger lebender Verwandter, ritt bereits Richtung Jerusalem. Ihm würde Rédouan sich anschließen. Und niemand würde mit größerer Todesverachtung im Zeichen des christlichen Kreuzes kämpfen als er.

Marielle – Prolog (4)

Monday, May 14th, 2007

Nur zwei Reitstunden entfernt kroch das Morgenlicht in die Burg des Grafen Michel von Doussy. Männer und Frauen verließen ihre Schlafstatt, um mit dem Tagewerk zu beginnen. Im Freien empfing sie beißender Wind und sie mussten die Augen zusammenkneifen, um sich gegen ihn zu schützen. Der Angriff traf sie unvorbereitet. Seit Jahren lebte man hier in Frieden. Pfeilspitzen durchbohrten die Herzen der beiden Männer, die auf dem Holzturm Wache hielten, noch ehe sie Alarm schlagen konnten. 

Der Priester, der gerade mit dem Gebet beginnen wollte, bemerkte als Erster das nahende Unheil. »Wir werden angegriffen«, rief er mit zitternder Stimme. Jetzt wurden auch die anderen aufmerksam. Schreiend versuchten sie sich vor den Pfeilen, die über die schützenden Mauern regneten, in Sicherheit zu bringen. 

Auf dem Gesicht des Burgherrn spiegelte sich Furcht. Sofort befahl er seinen Kommandanten herbei. »Jeder Mann soll sein Schwert ergreifen. Die Frauen kümmern sich um die Kinder. Gnade uns Gott!« 

Aber Gott zeigte an diesem Morgen keine Gnade mit den Bewohnern der Burg. Fast alle wurden in einem Rausch von Blut und Grausamkeit dahingemetzelt. Wem die Flucht gelang, der versteckte sich in den angrenzenden Wäldern.

Als nur wenige Stunden nach dem Angriff Als nur wenige Stunden nach dem Angriff Rédouan von Doussy, der Sohn des Burgherrn, nach Hause zurückkehrte, schreckte er entsetzt zurück. Die Angreifer hatten die Köpfe seiner Eltern rechts und links vom Burgtor auf Pfeilern aufgespießt. Ihre blutüberströmten Körper lagen achtlos zwischen den anderen leblosen Leibern. Der Anblick brachte Rédouan beinahe um den Verstand. Zudem stank es widerwärtig nach Blut und anderen menschlichen Ausscheidungen. Erst nachdem Rédouan seinen gesamten Mageninhalt in den Staub entleert hatte, war er in der Lage, wieder einigermaßen klar zu denken.  

  

Marielle – Prolog (3)

Sunday, May 13th, 2007

Paulette war nicht nur Marielles Magd, sondern auch ihre beste Freundin seit Kindheitstagen. Nachts schlief sie in der Nische, die direkt an Marielles Kammer grenzte. Doch letzte Nacht hatte sie sich erst vergewissert, dass Victor von Doussy fort war, bevor sie sich selbst hinlegte. Entsprechend übermüdet fühlte sie sich nun. Aber was bedeutete ihre Müdigkeit im Vergleich zu dem Leid, das Marielle ertragen hatte?
Bekümmert musterte Paulette das leichenblasse Gesicht der Freundin. Die sonst sorgfältig geflochtenen lockigen Haare umrahmten wirr das schmale Gesicht. Die blauen Augen blickten stumpf und glanzlos.
»Er hat meinem Vater versprochen, mich nicht anzurühren. Nicht bevor ich achtzehn bin und er aus Jerusalem zurückgekehrt ist.« Verzweifelt schlug Marielle die Hände vor das Gesicht. Glasklar sah sie wieder alles vor sich. Wie ein wildes Tier war Victor von Doussy über sie hergefallen. Sein verschlagener Blick hatte sich für immer unauslöschlich in ihr Herz gebrannt.
Unsicher, weil sie nicht wusste, wie sie der Freundin helfen konnte, begann Paulette, die Kissen aufzuschlagen. Dabei entdeckte sie die Blutspuren auf dem weißen Leinentuch. Mit einem kräftigen Ruck zog sie es ab. »Ich werde gleich ein neues auflegen«, sagte sie.
»Ich hasse den Grafen«, stieß Marielle heftig hervor.
»Er ist dein Gemahl, Marielle.«
Mit einer heftigen Handbewegung wischte Marielle den Einwand beiseite. »Und gibt ihm die Hochzeit das Recht, mich wie Dreck zu behandeln? Victor von Doussy ist kein Ehrenmann. Ich werde ihn niemals als Mann an meiner Seite akzeptieren.«
Hastig schlug Paulette das Kreuzzeichen vor der Brust. »Du versündigst dich, Marielle. Du hast vor Gott versprochen, deinen Mann zu ehren und ihm zu gehorchen bis an sein Lebensende.«
Trotzig verschränkte Marielle die Arme vor der Brust. »Glaubst du, ich weiß das nicht? Aber ich habe ihn nur meinem Vater zuliebe geheiratet. Wenn ich geahnt hätte…« Ihre Unterlippe zitterte verräterisch. Im nächsten Moment brach sie in heftiges Schluchzen aus. Paulette ließ das Laken, das sie noch immer in den Händen hielt, achtlos zu Boden fallen. Tröstend zog sie ihre Freundin in die Arme. Eng umschlungen bot sie Marielle Halt, bis diese sich halbwegs beruhigt hatte und auf Abstand zu ihr ging.
»Ich stürze mich ins Wasser, wenn daraus…« Marielle biss sich heftig auf die Lippen. Sie schämte sich für die Worte, die ihr auf den Lippen lagen.
»…wenn du ein Kind von ihm erwartest?« Wie fast immer verstand Paulette die Freundin auch ohne Worte. »Soweit wird es nicht kommen.«
»Was meinst du?«
»Meine Mutter hat mir das Geheimnis eines Kräutertrunkes verraten. Zum Schutz vor den hochherrschaftlichen Herren, die es lieben, uns Mägden heimlich aufzulauern.«
»Oh!« Marielle sah Paulette plötzlich mit neuen Augen an. Die Mädchen waren sich vertraut wie Schwestern, aber noch nie hatte ihr Paulette erzählt, dass sie keine Jungfrau mehr war.
»Nun guck nicht so überrascht«, sagte Paulette mit schiefem Lächeln. »Bei Mädchen meines Standes ist dies nichts Ungewöhnliches. Weißt du nicht, dass wir von den Herren als Freiwild angesehen werden?«
»Du hast nie etwas erzählt« Ein deutlicher Vorwurf schwang in Marielles Stimme mit, dem Paulette nur mit einem Schulterzucken begegnete.
»Ich helfe dir. Du brauchst es nur zu sagen«, drängte sie.
Unschlüssig rang Marielle die Hände. Von klein auf war ihr eingeschärft worden, dass es für Frauen nur eine Bestimmung im Leben gab: die der Ehefrau und Mutter. Die Lehren der Kirche lasteten in diesem Augenblick schwer auf ihrem Gewissen. Niemand hatte ihr verraten, dass die Erfüllung ihrer angeblichen Bestimmung mit Schmerzen und Demütigung einhergehen würde. Niemals würde sie ein Kind, das unter solchen Umständen gezeugt worden war, lieben können. Je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurden ihre Gedanken.
»Wenn das Schicksal ein Einsehen hat, lässt es deinen Mann auf dem Schlachtfeld  sterben«, drang Paulettes Stimme zu ihr durch.
Schweigend blickten sie einander an. Dann sagte Marielle: »Ich wünsche Victor von Doussy von ganzem Herzen den Tod. Möge sein Leib auf den Schlachtfeldern vor Jerusalem in Fetzen zerrissen werden und seine Seele im ewigen Fegefeuer schmoren. So wahr mir Gott helfe.« Noch nie zuvor hatte Marielle einen Menschen verflucht. Umgehend verspürte sie Erleichterung. Zu allem entschlossen hob sie den Kopf und schob das Kinn vor. Ihre Finger waren eiskalt, als sie die Hände der Freundin in die ihren nahm.
»Bitte brau mir diesen Trunk, Paulette«, bat sie flehentlich. »Hilf mir.«